Buchrezension: Vom Frankophilen zum Frankophoben-Frankreichs Einfluß auf Richard Wagners Werk

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Eine „Hassliebe“ zu Frankreich:
Wagners „Tannhäuser“ in Paris
und Leitmotive á la Hector Berlioz

Von Joachim Peters, Aachen , Freier Musikjournalist

Es gibt wohl kaum ein Werk Richard Wagners, das sein zweispältiges Verhältnis zur Kultur des Nachbarlandes Frankreich dokumentiert wie „Tannhäuser“. Schon in der frühen Dresdener Version ließ er gleich nach der vom frommen Pilgerchor dominierten Ouvertüre „sirenenhafte“ Venusberg- Töne erklingen. Noch erotischer gestaltete Wagner dann für seine „Paris Version“ des „Tannhäuser“ im Jahre 1861 das mit Kastagnetten-Tänzerinnen besetzte und sinnlich-flirrende Venusberg-„Bachanal“ (Ballett). Wagners eigene Sinnlichkeit, sein „inneres Franzosentum“ – der zweite Pol seiner Persönlichkeit neben seinem später von ihm ausschließlich betonten „deutschen Meistertum“ – spielte dabei ebenso eine Rolle wie sein Versuch, mit dieser Musik die ihm bisher verschlossene französische (und europäische!) Musikmetropole Paris zu „erobern“.

Die aus Lothringen stammende, im lothringischen Metz ausgebildete und in Paris lebende Germanistin und Musik-Journalistin Isabelle Esling ist schon aufgrund ihres Werdeganges, mit ihren deutschen und französischen Wurzeln sowie früher „Begegnung“ mit Wagner prädestiniert, sich mit dem Thema „Wagner und Frankreich“ zu beschäftigen. Eslings Resumee: „Wagners Musik drückt zwar die Seele eines typischen deutschen Menschen aus. Dennoch ist es unmöglich, die eindeutige Wirkung französischer Musiker auf Wagners Werk zu leugnen“. Als Beispiel nennt sie den französischen Komponisten Hector Berlioz. Dessen in der „Symphonie fantastique“ entwickelte „Idee fixe“ (wiederkehrendes Motiv für bestimmte seelische Zustände des Helden) hat Wagner später bei der Einführung und kreativen Umformung seiner eigenen „Leitmotive“ wohl noch stärker in seinem Schaffen vorangebracht als die weitgehend noch statisch-naturalistische (nur auf das Eintreten von Personen auf der Bühne bezogene) und unpsychologischere „Leitmotiv-Technik“ in den romantischen Opern Carl Maria von Webers. In späteren Aufsätzen oder in seiner Grabrede für Weber in Dresden rühmt Wagner diesen überschwänglich. Und mehrere Jahre später verdammt er dagegen „frivole“ Elemente in der Musik seines französischen Kollegen Berlioz.

Isabelle Esling macht Ursachen für Wagners Verleugnungen aus. Zum einen war es die fehlende Anerkennung als junger Komoponist bei seinem ersten Paris-Aufenthalt (1839-1842), zum anderen die feindliche Aufnahme seines „Tannhäuser“ (1861) in Paris, die aus dem „Frankophilen“ den „Frankophoben“ Wagner machten. Schon seit 1850 (Stichwort: „Lohengrin“), aber spätestens seit 1861, als Wagner trotz seiner Kompromisse an die französische „Grand Opéra“ (u.a. durch den Einbau des üblichen Balletts, allerdings im völlig unüblichen 1. Akt!) mit seinem „Tannhäuser“ in Paris durchfiel, stand sein Entschluss zum „deutschen Musikdrama“ als Gegenentwurf zur „französischen Grand Opéra“ unverbrüchlich fest.

Isabelle Esling lässt aber auch deutlich anklingen, dass Wagners „Tannhäuser-Debakel“ gleichzeitig der Beginn des Triumphzuges Wagnerscher Musik in Frankreich war: Schriftsteller wie Charles Baudelaire oder der Maler und Bühnenbildner Gustave Doré warfen ihre Popularität in die Wagschale, um Wagner öffentlich zu verteidigen und sogar zu unterstützen. Noch ein eigenes P.S.: Wie französische Sinnlichkeit Wagners Kunst beeinflusste, so später Wagners Spätwerk „Parsifal“ Frankreichs Dichter des Symbolismus! Bis heute bilden die Franzosen ein starkes Besucher-Kontingent bei den Bayreuther Festspielen.
Wie sagte schon der von Isabelle Esling zitierte Friedrich Nietzsche sinngemäß: Unter den damaligen Deutschen (gemeint sind ihre tumb-nationalistischen Vertreter wie Kaiser Wilhelm II.) war Wagner weit mehr ein Missverständnis als in Paris. Wagners Kompositionen verraten „raffinement“ – eine ästhetische Kategorie, ein Wort, das ja in Frankreich in Bezug auf die Kunst geprägt wurde.
Isabelle Esling: Richard Wagner. Vom Frankophilen zum Frankophoben. Die Einflüsse Frankreichs auf Wagners Welt. WISA-Verlag Stuttgart, 120 Seiten, 22 Euro.

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